„Der etwas andere Geschichtsunterricht“ am Gymnasium

Auch wenn die Unterrichtszeit, die die Stundentafeln der einzelnen Länder für den Geschichtsunterricht vorsehen, variiert, die Ziele sind vergleichbar: Durch systematische Auseinandersetzung mit ausgewählten Aspekten der Vergangenheit sollen die Gymnasiasten lernen, die sie umgebende Welt in ihrer Historizität zu verstehen. Neben Sach- sollen sie Methodenkompetenz entwickeln, aber auch die Kompetenz, sich historisch zu orientieren und eigene historische Fragestellungen zu verfolgen.

Es wird schnell offenkundig, dass die traditionellen Kanonthemen des Geschichtsunterrichts und die traditionelle Weise, mit ihnen umzugehen, nicht ausreichen, um diese Ziele zu erreichen. Das Erarbeiten eines (hoch selektiven!) Überblickswissens in der Mittel- und Unterstufe, dessen Vertiefung in der Oberstufe, das Kennenlernen einiger zentraler Quellenbestände, das Erlernen fachspezifischer Arbeitsweisen des Rekonstruierens führt noch nicht zu einem historisch kompetenten Bürger, der sich in einer zunehmend globalisierten Welt orientieren kann.

Zumindest müssen die Schüler mit dem De-Konstruieren auch die zweite der Basisoperationen historischen Denkens erlernen. Das bedeutet, sie müssen in die Lage versetzt werden, die Strukturen vorliegender historischer Narrationen zu erfassen und kritisch mit deren Deutungen umzugehen.

Außerdem müssen sie an konkreten Beispielen aus ihrer (globalen!) Lebenswelt lernen, Geschichte zur eigenen Orientierung zu nutzen. Um den Beitrag zu erfassen, den Geschichte zum Welt-, Selbst- und Fremdverstehen leisten kann, können im Geschichtsunterricht regionale Beispiele ebenso herangezogen werden, wie interkulturelle Vergleiche der Sichtweisen auf ein und dasselbe historische Ereignis oder die Analyse von auf ein globales Publikum ausgerichteten Spielfilmproduktionen. Zentral ist, dass dabei jeweils die Frage nach der Bedeutung für einen selbst gestellt wird. Die Fähigkeit, die „Triftigkeit“ der jeweiligen Interpretationen/Deutungen zu überprüfen, aber auch die Fähigkeit, aktiv und selbständig eigene historische Fragestellungen zu verfolgen sind weitere bei den Lernenden anzustrebende Fähigkeiten.

Beispiele für einen derartigen Geschichtsunterricht werden innerhalb und außerhalb des FUER-Projekts europaweit mit großem Erfolg erprobt. Die Hemmschwelle, einen solchen „etwas anderen“ Geschichtsunterricht zu versuchen, ist aber gerade am Gymnasium hoch: Viele Gymnasiallehrer scheuen sich, zugunsten einer vertieften Beschäftigung auf „Stoff“ zu verzichten. Erst die Erfahrung, dass gerade der reflektierte und (selbst-)reflexive Umgang mit Geschichte die Schüler motiviert, sich Inhalte anzueignen, überzeugt die Skeptiker.